Am 8. Dezember 2008 hat das Zentrum für Antisemitismusforschung die Tagung „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ veranstaltet und Iman, Mitglied unserer JuMuDia-Gruppe, war dabei.
Wissenschaftliche Konferenz in Berlin- Ist ein Vergleich von Islamfeindlichkeit und Judenfeindlichkeit realistisch?
Die wissenschaftliche Konferenz zum Thema „Feindbild Jude – Feindbild Muslim“, die von dem Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin veranstaltet wurde, fand am Montag den 08.12.08 um 10 Uhr statt. Schon Tage vor Beginn der Veranstaltung konnte man heftige Kritik aus den Medien vernehmen. Die Tagung hat eine Kontroverse entfesselt. Viele halten es für absurd Islamfeindlichkeit mit dem Antisemitismus zu vergleichen, denn Kritiker sehen darin eine Verharmlosung des Holocausts. Nichtsdestotrotz lies sich Professor Dr. Benz, der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung nicht irritieren. Im Gegenteil. Am Tag der Konferenz schien er sehr entschlossen und selbstbewusst…
Die Anwesenheit der Teilnehmer zeigt wie interessant und vor allem wichtig das Thema für viele ist. Es sind bis Freitag Abend 210 Anmeldungen beim ZfA eingegangen.
Leider haben nicht alle Gäste Sitzplätze, da man aus Sicherheitsgründen nur 140 Stühle in den Veranstaltungsraum (ehemalige Bibliothek) stellen darf. Doch der ein oder andere weiss sich zu helfen, Tische werden spontan zur Sitzmöglichkeit umfunktioniert. Obwohl ich ca. 5 vor 10 in den Veranstaltungsraum komme, kann ich ganz bequem noch einen Platz ergattern. Um kurz nach 10 Uhr beginnt Herr Professor Wolfgang Benz mit der Begrüßung und führt die Gäste in die Themen des Tages ein. Mit Sympathie bringt er den einen oder anderen zum Schmunzeln oder gar zum Lachen. Herr Benz macht den Eindruck, eine sehr gesellige und dynamische Person zu sein, die genau weiss, wie sie ihren Standpunkt präsentieren kann.
Professor Benz macht in seiner Einführung auf die Entfremdungsängste in Europa aufmerksam. Damit ist die Angst vor der „Islamisierung“ Europas gemeint. Der Moscheebau, das Kopftuch und Islamunterricht sind Punkte, die die Angst vor der so genannten „Islamisierung Europas“ verstärken. Der Islam wird als bösartig und inhuman gesehen. Von gutbürgerlichen Zeitungen werden die Islamängste stimuliert. Das Buch „SOS Abendland“ von Udo Ulfkotte zum Beispiel, stellt die angebliche Gefahr der Muslime in Deutschland dar. Die Medien haben einen enormen Einfluss auf die Bürger. So sehen die Menschen ein verzerrtes Bild vom Islam. Ein gutes Beispiel hierfür ist z.B. die Beziehung Irans zu Atomwaffen. Ein bekanntes Bild dazu: Moschee im Hintergrund und Waffen auf demselben Bild. Damit wird die Verbindung von Islam und Hass/Krieg dargestellt.
Es ist wichtig zu erwähnen, dass es sehr wohl Potential zur Rekrutierung für den Djihad unter Muslimen in Europa gibt. Ebenso sind auch Organisationen, die totalitäre Tendenzen des Islamismus aufweisen, wie die Salafiyya-Bewegung, in Europa tätig. Das heißt jedoch nicht, dass es insgeheim eine homogene, breite Front von Muslimen gibt, die nur darauf wartet, die Macht im Lande zu übernehmen. Herr Professor Benz sagt, dass Djihadismus auf irrationalen Gründen beruht. Solange man Hass gegen den Judenstaat in der islamischen Welt (und weltweit) hege, werde die Furcht vor dem Islam nicht verschwinden.
In den Vorträgen wird des öfteren auch der Konstrukt der jüdischen Finanzmacht angesprochen, sowie die Unterstellungen, es gäbe ein koordiniertes jüdisches Streben nach Weltherrschaft. In diesem geschlossenen Weltbild – charakteristisch für den Antisemitismus – werden Juden als geldgierig und hinterhältig betrachtet. Selbst die „Protokolle der Weisen“ werden noch heute für den Hass gegen das Judentum benutzt. Dass das Werk eine Fälschung ist, tat und tut seinem Erfolg seit über einem Jahrhundert keinen Abbruch. Sie werden einfach weiter verbreitet.
Seit zwei Jahren arbeitet der Zentralrat der Juden gemeinsam mit Partnern muslimischer Organisationen zusammen, um Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zu bekämpfen. Der Begriff Islamophobia wird von den Referenten ungern verwendet, da sie den Begriff als abwertend empfinden. Sergey Lagodinsky, zweiter Vorsitzender des Arbeitskreises Jüdische Sozialdemokraten, begrüßt es, dass die Veranstalter sich gegen diesen Begriff entschieden haben.
Im Raum wird kurz angemerkt, dass die Muslime uns erst akzeptieren werden, wenn wir sie akzeptieren. Ich nehme an, dass jeder dazu seine eigene Meinung hat.
Um etwa elf Uhr trägt Frau Dr. Juliane Königseder ihr Referat „Feindbild Islam“ vor. Sie betont die Dominanz von Verschwörungsphantasien. Die Muslime planen eine Herrschaft Europas und dergleichen. Es ist die Rede von einem Fantasiegebilde namens Eurabia. Eine Problematik des Islams stellen immer wieder der Moscheebau, das Tragen von Kopftüchern oder die Schwierigkeiten der jungen Migranten, die sich teilweise nicht anpassen, dar. Wie sollen sich Menschen integrieren, wenn sie in ihrer Freiheit eingeschränkt werden? Es fehlt an Verständnis… an gegenseitigem Verständnis. Seit dem Mord am Niederländer Theo van Gogh im November 2004, entwickelt sich ein neues Islambild (Islamhass), dass nicht nur in der rechten Szene, sondern auch in der mittleren bis oberen Bürgerschicht seinen Platz einnimmt. Auch Alice Schwarzer wird zitiert. “Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Als Symbol ist es eine Art „Branding“, vergleichbar mit dem Judenstern.“ Dieser Vergleich ist sehr suspekt.
Alice Schwarzer, die selbsternannte Islamkritikerin, wird an anderer Stelle zitiert: “Das Geld kommt aus Saudi-Arabien, die Ideologie aus Iran. In Afghanistan ging das Anfang der neunziger Jahre los. In Algerien hat es in den neunziger Jahren über hunderttausend Tote gegeben, einen blutigen Bürgerkrieg, der von Islamisten angezettelt wurde und der Westen hat weggeguckt. Amerika hat in den achtziger und neunziger Jahren gezielt islamistische Kräfte gefördert, um den so genannten grünen Gürtel um die Sowjetunion zu legen. Der Kampf der Taliban gegen die Sowjetunion – den haben die Amerikaner unterstützt. Der Geist ist nun aus der Flasche.“
Wer sich nicht ausdrücklich vom Islamismus distanziert, wird zwangsläufig mit dem Islamismus in Verbindung gebracht. Wie es der Fall bei der Lehrerin Fereshta Ludin war, die das Kopftuch in ihrem Unterricht nicht ablegen wollte. Das Kopftuch wird oft als politisches Symbol betrachtet.
Die jetzige „Islam-Situation“ wird mit der jüdischen Emanzipation verglichen. Muslime kommen aus den Hinterhöfen raus und treten in den Vordergrund, aber dies wird als Bedrohung wahrgenommen. So protestieren die Bürger gegen die geplanten Moscheebauten. Die Situation in Europa zur Zeit der jüdischen Emanzipation wurde dadurch gekennzeichnet, dass Juden das Recht gestattet wurde, aus einer separaten gesellschaftlichen Randexistenz hinein in die Mitte der Gesellschaft hinauszutreten. Mit der Gleichberechtigung konnten Juden erst ein Gewerbe frei wählen, Grundbesitz erwerben und sich im Staatsgebiet frei bewegen. Sie wurden gleichzeitig langsam in die Lage versetzt, ihre Religion frei ausüben zu können und neue Synagogen zu bauen – was auf manches Unbehagen gestoßen ist und unter diesem Aspekt auf die heutige Situation mit den Moscheebauten erinnert. Als Dr. Angelika Königseder ihren beeindruckenden und enorm informativen Vortrag beendet hat, kommentiert Dr. Sabine Schiffer das Referat. Sie sagt, dass das jetzige Feindbild der Islam ist, in 10 Jahren ist es Russland und dann vielleicht Asien.
Ein Gast aus dem Publikum stellt eine Frage, die sich viele stellen: „Warum spricht man von Muslimen, aber nicht von Christen?“
Damit ist gemeint, dass man nicht von der Herkunft einer Person spricht, sondern gleich die Religion in den Vordergrund stellt. Da viele Migranten aus dem muslimischen Raum stammen, werden sie gleich als Muslime abgestempelt. Doch nicht jeder Migrant aus einem islamischen Land definiert sich zwangsläufig als Muslim. Bei Christen wird meist die Religion nicht erwähnt, da es vermutlich uninteressant ist bzw. keine Wichtigkeit hat. Die Muslime werden häufiger stigmatisiert.
Nachdem einige Fragen oder Kommentare aus dem Publikum geklärt werden, kann Frau Dr. Juliane Wetzel mit ihrem Vortrag „Judenfeindschaft unter Muslimen in Europa“ beginnen. Der Begriff „Semiten“ wird oft falsch definiert. Semitismus ist keine Kultur. Als Semiten werden Menschen bezeichnet, die eine semitische Sprache als Muttersprache sprechen. Dazu zählen Araber, Hebräer, Aramäer, Assyrer und viele andere. Gleichwohl sollte man Mutmaßungen über die Definition des Antisemitismus, die sich an der Semantik des Begriffs (der von einem selbsterklärten Judenfeind Wilhelm Marr erfunden wurde) emporragen, unterlassen, um nicht der Tatsache zu entkommen, dass es Judenfeindschaft gibt und dass dieses kollektive Gefühl benannt und untersucht wird. Antisemitische Vorfälle sind seit Februar 2002 enorm gestiegen, insgesamt kam es seit dem allein zu fast 270 Schändungen jüdischer Friedhofe in Deutschland. Man kann es als antisemitische Welle bezeichnen.
Grund für den Hass gegen die Juden unter den muslimischen Migranten sind verschiedene Indikatoren. Wie zum Beispiel Armutskultur, soziales Versagen und Perspektivlosigkeit. Sie möchten sich eine eigene Identität verschaffen und ihren ganzen Hass projizieren sie auf die Juden. Die Referentin betont, dass viele Menschen die Juden für den Tod Jesu verantwortlich machen. Dieser Gedanke ist nicht gänzlich verschwunden. Antisemitischen Ressentiments dürfen eigene Erfahrungen mit der Diskriminierung nicht gerechtfertigt werden. Wichtig ist hier zu sagen, dass es keine monokausale Verbindung zwischen Antisemitismus und Herkunft gibt. Die Jugendkultur von heute definiert sich in der Musik. Manche von ihnen verherrlichen den Djihad. Antisemitische Stereotypen verbreiten sich in der Musikszene, meist durch Sprechgesang (Rap). Frau Dr. Wetzel nennt ein Beispiel aus der heutigen Musikszene. Der Albanische Rapper mit dem Pseudonym Bözemann, beschimpft den Rapper Massiv als Juden. Man versteht nicht den Zusammenhang, da Massiv Palästinenser ist, sagt Wetzel.
Erst seit den letzten Jahren werden diese Phänomene beobachtet. Jugendliche Antisemiten in Deutschland stammen meist aus dem arabischen oder türkischen Raum und fühlen sich vor allem mit den Palästinensern brüderlich verbunden. Sie begründen ihren Antisemitismus durch den vorherrschenden Nahostkonflikt. Es fällt stark auf, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund oft antisemitische Züge haben oder Hass gegen Juden empfinden, aber momentan stehen empirische Studien aus. Diese Thematik hat sich in der aktuellen Ausgabe ihres Newsletters auch der Verein ufuq.de, der sich mit Jugendkultur, Medien und politischer Bildung in der Einwanderungsgesellschaft beschäftigt, gewidmet. Jugendliche verwenden auf den Schulhöfen verbale Äußerungen wie: „Du Jude!“ und der Satz wird nicht nur von Migranten verwendet.“Jude“ wird zum Mode-Schimpfwort, ähnlich wie „Opfer“, was für böse gemeintes Verdikt steht.
Zwischendurch dürfen die Gäste bzw. das Publikum Fragen stellen oder selbst Kommentare abgeben. Eine der Gäste sagte, dass Antisemitismus typisch europäisch sei und das Antizionismus im Nahen Osten vorhanden sei.
Im Großen und Ganzen war die Veranstaltung sehr gelungen. Man konnte neue Eindrücke mit nach Hause nehmen und sich über das Gehörte Gedanken machen.
Man kann die Veranstalter loben, dass sie den Mut aufgebracht haben, um die Problematik bzw. die Beziehung von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zu klären.
Von Iman